Montag, 19.04.2004

Helfer in der Not: Dirk Schlesing kuriert nicht nur die Rechner, er macht auch die Nutzer fit: Er übt mit PC-Einsteigern den Doppelklick und zeigt den Leuten den Knopf zum Ein- und Ausschalten.
WAZ-Bild: Horst Müller

"Der Drucker druckt nicht". Diesen Hilferuf hört Dirk Schlesing oft. Früher hat der Computerexperte vor dem Besuch beim Kunden in solchen Fällen Kabel gekauft, Treiber besorgt. Nur, um vorbereitet zu sein. Viel zu weit gedacht. Manchmal hilft schon ein Tipp: "Drucker einschalten". Das Zeitalter der modernen Kommunikationstechnik mag längst angebrochen sein, angekommen ist bei Weitem nicht jeder. Dirk Schlesing (39) profitiert davon. Im Mai 2003 eröffnete der Elektriker seinen PC-Notdienst. Zuvor hatte er auf Zechen gearbeitet, zuletzt als Fördermaschinist. "Immer weniger zu tun, immer weniger Geld zu verdienen", fasst Schlesing den Niedergang knapp zusammen. Er begann, sich mit Computern zu beschäftigen, besuchte Volkshochschul-Kurse und eine einjährige Umschulung des Arbeitsamtes. Danach fand Schlesing keine Arbeit, obwohl das Amt rosige Prognosen abgegeben hatte. Also beschloss der ehemalige Kumpel, sich selbstständig zu machen. Mittlerweile läuft das Geschäft mit der Unkenntnis anderer gut. Seine Hilfseinsätze führen den 39-Jährigen dorthin, wo die Welt der schnellen Rechner nicht kompatibel ist mit der Welt der langsamen Nutzer. Zum Beispiel zu dem Tankstellenbesitzer, der ihn wegen eines PC-Problems rief. Drei Scanner standen neben dem Gerät, verstaubt und ungenutzt. "Alle kaputt", sagte der Kunde. "Alle funktionsfähig", diagnostizierte Schlesing. Der Kunde hatte sich ein Gerät gekauft, angeschlossen und ausprobiert. "Eben irgendwie ´rumgeklickt", sagt Schlesing. Funktionierte nicht, also: neuen Scanner kaufen. Der funktioniert wieder nicht, also... 

Schlesing kuriert nicht nur die Rechner, er macht auch die Nutzer fit. "Ich bekomme Mails mit Bildern. Aber wo sind die denn?" "Im Anhang". "Wo ?" So laufen typische Gespräche. Zu Schlesings Kunden gehören Menschen, die Zettel an ihren Rechner kleben. Der Text: Monitor einschalten. Warten. Monitor geht an. Menschen, die harmlose Fehlermeldungen nicht verstehen, weil sie auf englisch sind. Studenten, die keine Sicherungskopien von wichtigen Arbeiten gemacht haben. PC-Einsteiger, die den Doppelklick bei der Maus erst üben müssen. Internet-Surfer ohne Virenschutz. Briefeschreiber, die nicht wissen, wie sie den Cursor zurück in die richtige Zeile bekommen. Lustig? Naiv? Eine Frage der Perspektive. Schlesings Lebensgefährtin etwa sagt ganz offen: "Ich habe auch schon mal gefragt, wo der Rechner angeht. Ich mache das doch nie, ich habe ja einen Experten". Nicht jeder, der das Ticket zur virtuellen Welt löst, kennt sich dort aus. Das passiert den meisten in der realen Welt allerdings ebenso. Die Funktionsweisen der virtuellen kann man wenigstens lernen...

19.04.2004 Von Katja Korf